Liebe zur Heimat

„Italia nostra“ steht neben historischen Angaben auf einer Tafel  an jedem der beeindruckenden Baudenkmäler in der Stadt Vercelli  geschrieben. Irgendwie fand ich diesen Stolz der Italiener auf den Reichtum ihrer Kultur sympathisch  - dieses Urlaubserlebnis ließ mich über Heimat nachdenken. Können Sie sich vorstellen, dass am Kronentor  des Zwingers „Unser Deutschland“ stünde? Undenkbar – mindestens nationalistisch wäre der Vorwurf. Dabei ist Heimat, ist Verwurzelung in Vertrautem, ist soziokulturelle Identität unverzichtbar für stabile Persönlichkeiten und eine zukunftsfähige Gesellschaft – ob wir nun unsere Landschaft, unsere Kirchen und andere historische Bauwerke, den Schrebergarten oder ein geliebtes Haustier unter Heimat verstehen, zuvörderst natürlich ein vertrautes Zuhause – räumlich wie emotional. Vor dem Hintergrund eines einseitig erwerbstätig und materiell-wirtschaftlich ausgerichteten Denkens droht in Deutschland  die Liebe zur Heimat mit ihrem Reichtum an Natur und Kultur, an Sprache und Liedgut zur unterschätzten Nebensache zu werden. Ohne Pflege aber verkümmern Heimat und die Liebe zu ihr. Es ist nicht einfach, unseren Kindern und Enkeln im Zeitalter der Globalisierung  die Liebe zur Heimat zu vermitteln. Wie soll man Kinder und Jugendliche zu anstrengendem Wandern oder freiwilligem Studium von Baustilen motivieren, wenn eine Fernreise mit garantiertem Sonnenschein lockt und finanziell gar billiger ist als eine Reise in Deutschland? Die Heimat zu schützen und  sie in Volksliedern zu besingen, wäre das angesichts der boomenden Fernreisen oder Antarktis-Kreuzfahrten nicht wirksamer als Schulstreiks an „Fridays for future“? Es lohnt sich also, über Heimat positiv und im besten Sinne ethisch verantwortlich  zu denken und nicht reflexartig nationalistisches Gedankengut zu argwöhnen oder gar zu unterstellen,  wie es leider – auch in manch kirchlichen Kreisen – häufig geschieht. Geboten ist eine Grenze:  andere Völker ihre Heimat, ihre Kultur selbstbestimmt leben zu lassen und nicht vor dem Hintergrund ungerechter Weltwirtschaft deren Reichtum auszubeuten oder sie zur Migration zu nötigen. Klar und anmutig hat es  B.Brecht in der „Kinderhymne“ formuliert. Im Zeitalter der Globalisierung mit  immensen sozialen Folgeschäden ist die Bedeutung von Heimat aktueller denn je - als ein komplexes System von Tradition, Gemeinsinn und gelebter Verantwortung für Natur und Kultur.  Der Zusammenhang zu größeren Systemen kann vielleicht zwiebelschalenähnlich verstanden werden  -  in immer weiterer  Ausdehnung mit  zwar abnehmender Vertrautheit, aber bleibender Bedeutung für unser Leben:  von unserem Zuhause, der Gemeinde, der Region, unserem Land, dem landschaftlichen und kulturellen Reichtum Europas bis hin zu unserer einen Erde. Heinrich Günther